Letzte Änderung: 18.02.2016
Bericht zur 6. Neumarkter Nachhaltigkeitskonferenz

von Barbara Lattrell

 

 

Am Freitag, den 4. Juli fand in Neumarkt zum sechsten Mal eine Konferenz zum Thema Nachhaltigkeit statt. Dieses Mal ging es um Impulse für den Klimaschutz durch neue Wege bei der Mobilität – also um Elektromobilität.

 

Bei dem ersten Vortrag ging es um die wirtschaftlichen Chancen einer klugen Energiewende. Die Referentin war Dr. Claudia Kemfert, eine Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit aus Berlin. Sie beschrieb den Ist-Zustand unserer Energiewende – die bisher nur eine Stromwende, speziell eine Angebotsstromwende ist. Zwar gibt es noch viele Probleme bei dem Ausbau von regenerativen Energien, aber diese sind technisch lösbar. Dazu gehört auch das Kernproblem der Speicherung. Allerdings sind nach Ansicht der Expertin unbedingt große Stromtrassen von Norden nach Süden erforderlich, wenn das Ziel erreicht werden soll, im Jahr 2050 80 Prozent des Energiebedarfs durch regenerative Energien zu decken. Denn bereits 2020 werden regenerative Energien in Nord-, West- und Ostdeutschland im Überschuss produziert, während der Süden auch in Zukunft den Strombedarf nicht decken kann. Im Publikum machte sich ablehnende Unruhe breit; jeder dachte an die „Monstertrasse“. Kemfert erläuterte daraufhin, dass dies nicht die geplante Stromtrasse durch unseren Landkreis einschließe. Denn die Gleichstrompassage Süd-Ost soll keinen Strom aus regenerativen Energien, sondern ausschließlich Braunkohlestrom transportieren.

 

Nach Ansicht der Expertin sollte die – ineffiziente – Braunkohleproduktion umgehend eingestellt werden. Derzeit gibt es in Deutschland einen gewaltigen Stromüberschuss, der die Energiewende behindert: Strom wird an der Börse gehandelt und da das Angebot viel höher als die Nachfrage ist, ist der Börsenpreis derzeit sehr niedrig. Je wertloser der Strom ist, desto mehr wollen die Stromproduzenten unterstützt werden und desto geringer ist der Anreiz in regenerative Energien zu investieren. Technologien seien zwar vorhanden und auch die Firmen, die sie vertreiben, stehen auf der Matte, aber die Politiker müssten mehr Sicherheit schaffen, forderte Kemfert.

 

Aber nicht nur die politische Entscheidung, weiterhin Gelder in die teure Braunkohlenproduktion fließen zu lassen, behindert unseren Fortschritt in der Energiewende erheblich. Einen zweiten – ganz großen – Fehler sieht die Energieexpertin in der Entscheidung unserer Politiker, die stromfressende Industrie von der EEG-Umlage zu befreien. Anstatt den Ausbau erneuerbarer Energien zu fördern, werden die Profite der Großkonzerne maximiert. Tatsache ist, dass die Industriestrompreise in Deutschland viel niedriger sind als in unseren Nachbarländern – und nicht höher, wie häufig behauptet wird. Durch die vielen – sogenannten – Ausnahmeregelungen haben die stromfressenden Konzerne bei uns nun noch mehr Standortvorteile, können sich besser halten als beispielsweise in den Niederlanden und sogar ausweiten. Die Folgen müssen wir bezahlen!

 

Frau Prof. Kemfert sprach sich klar dafür aus, die Industrieausnahmen wieder abzuschaffen. Sie regte an, stattdessen finanzielle Anreize zu schaffen, Stromüberschüsse aus regenerativen Energien zu nutzen. Dafür müsste der Strompreis in Echtzeit dem Stromangebot angepasst werden. So könnte die Industrie ihre Produktion während der Stromüberschusszeiten, beispielsweise an sonnigen Sommertagen, kostengünstig hochfahren und in Mangelzeiten Geld und Strom sparen.

Ein gewaltiges volkswirtschaftliches Einsparungspotential sieht Kemfert in der Verbesserung der Energieeffizienz. Die energetische Sanierung von Wohngebäuden nannte sie eine ganz wichtige Investition in der Energiewende. Ihr Fazit war, dass sich die Energiewende – die nicht nur eine Stromwende sein darf – langfristig auf jeden Fall lohnt.

 

In dem zweiten Vortrag erläuterte Dr. Weert Canzler, warum keine Energiewende ohne Verkehrswende möglich ist. Dabei ging er auf den Stellenwert von Elektromobilität ein. Im Verkehr sieht Canzler das Sorgenkind der Energiewende, denn trotz umweltschutztechnischer Weiterentwicklungen nimmt der CO2-Anteil durch den Verkehr weltweit immer mehr zu. Infolge des Trends zu immer leistungsfähigeren und größeren Autos gibt es auch in Deutschland bisher keine positive Entwicklung. Der Einsatz von Elektrofahrzeugen könnte die CO2-Bilanz verbessern – allerdings nur, wenn sie mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Zudem sind E-Autos aufgrund ihrer Nachteile hinsichtlich Speicherung und Reichweite nicht in der Lage, alle Funktionen konventioneller Autos zu übernehmen.  

Der Referent stellte das Konzept E-Carsharing – geteilte Elektroautos als Ergänzung des öffentlichen Verkehrs – vor. Die kombinierte Nutzung umweltschonender Verkehrsmittel wird über das Smartphone mit einer speziellen App optimiert. Derzeit gibt es weltweit einen Boom an innovativen Mobilitätsdienstleistungen. Der Bedarf an Flexibilität steigt. Gleichzeitig gibt es Anzeichen, dass der Stellenwert des Autos als Prestigeobjekt sinkt und kaum einer der unter 30-Jährigen kauft sich noch einen Neuwagen. Sogar die Autoindustrie entwickelt daher neue Mobilitätskonzepte. Ein Beispiel ist das Carsharing-Modell Mobiltelefonie: ein Auto kann beispielsweise für 29 Cent/Minute all inclusive genutzt werden. Canzler stellte am Ende seines Vortrages heraus, dass postfossile Mobilität viel mehr bedeutet als neue Antriebstechniken. Was wir brauchen, ist der Zugang zu Mobilität. Wir möchten das Auto nutzen, aber müssen wir es deswegen auch besitzen?

 

Anschließend wurden drei Praxisbeispiele nachhaltiger Mobilität vorgestellt. Davon greife ich ein Beispiel heraus, da es am ehesten auf uns übertragbar ist. Es ist das Projekt E-WALD – Elektromobilität bayerischer Wald, das von Prof. Dr. Peter Sperber, dem Präsidenten der Technischen Hochschule Deggendorf, vorgestellt wurde.

Vorab stellte Sperber folgende These auf: Der ländliche Raum ist für Elektromobilität viel geeigneter als Städte. Wundern Sie sich auch?

Die Modellregion umfasst rund 10% des Freistaates, 6 Landkreise und 87 Kommunen mit 500.000 Einwohnern. Es ist eine dünn besiedelte Pendlerregion mit Abwanderungstendenzen, deren Bewohner zwingend auf Autos angewiesen sind. Mit seinen Steigungen und den kalten, schneereichen Wintern bietet der Bayerische Wald ausgesprochen ungünstige Bedingungen für Elektrofahrzeuge und es müssen weitere Entfernungen zurückgelegt werden als im städtischen Raum. Dennoch ist sogar bei diesen sehr schwierigen Rahmenbedingungen eine gemeinsame Nutzung von Elektroautos gut möglich und bietet sogar allen Beteiligten ökonomische Vorteile.

Mittlerweile gibt es dort eine Flotte von rund 170 E-Fahrzeugen, die von den Einwohnern – aber auch von Touristen – gemeinschaftlich genutzt werden. Der Zugriff auf die Autos erfolgt einfach und schnell über ein Smartphone-App. Es stehen rund 200 Ladestationen zur Verfügung, die mit regional erzeugtem Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden. Die Hochschule Deggendorf entwickelte neue, intelligente Steuerungs-, Regelungs- und Kommunikationskonzepte, die das Navigationsgerät des Fahrzeugs mit den Ladestationen und den ÖPNV Fahrplänen „verbindet“. Ein mathematisches Reichweitenmodell, das u.a. Steigung, Temperatur, Fahrverhalten berücksichtigt, sorgt dafür, dass jeder Fahrer sein Ziel erreicht. Bisher ist – entgegen der anfänglichen Befürchtungen der Beteiligten – noch kein E-Auto liegengeblieben.

An dem Modellprojekt sind weder Stromkonzerne noch Autohersteller beteiligt. Denn die Wertschöpfung aus der Energieerzeugung soll in der Region belassen und der CO2-Ausstoß durch die ausschließliche Verwendung regenerativer Energien auf null begrenzt werden. Die Autohersteller wurden ausgeschlossen, um eine umfassende und unabhängige Fahrzeugbewertung sicherzustellen. Die Flotte umfasst Elektroautomodelle aller Hersteller. Deren Reichweite, Temperaturverhalten etc. sowie die verschiedenen Batterien und Ladetechniken wurden – und werden auch weiterhin – genau unter die Lupe genommen.

Das Problem des relativ hohen Preises von Elektroautos wurde durch das E-Carsharing-Konzept gelöst. Die Autos können stunden-, tage- oder monatsweise gemietet werden. Ein Pendler, der für die Nutzung eines E-Fahrzeuges 250 EUR im Monat zahlt, kommt damit häufig billiger weg, als wenn er sein eigenes konventionelles Fahrzeug nutzen würde. Zwar verzichtet kaum einer der Teilnehmer auf ein eigenes Auto, aber der Anteil der – ziemlich unrentablen – Zweitwagen ist stark zurückgegangen. Auch für den Betreiber der Flotte ist das e-Carsharing lukrativ. Es handelt sich um eine gewinnorientierte GmbH, die ihren Fahrzeugpark der steigenden Nachfrage angepasst immer mehr vergrößert. Die E-Autos sind zu 80 Prozent ausgelastet. Wer erreicht schon eine derartige Auslastung mit seinem Privatwagen? 

Derzeit wird versucht, das Projekt auszuweiten und mehr Ladestationen in einem größeren Umkreis zu schaffen – auch der Landkreis Neumarkt steht im Fokus. Nach Aussage eines ausgesprochen gut informierten Teilnehmers ist dieses Projekt eines der wenigen „vernünftigen“ E-Mobilitätsprojekte – und es läuft offensichtlich sehr gut und die Akzeptanz steigt.

Wenn Elektroautos viel gefahren werden, sind sie zudem sehr kostengünstig: Für 100 km Fahrstrecke wird Strom für ungefähr 2,50 Euro “getankt”. Auch die Wartungs- und Reparaturkosten sind deutlich geringer wie bei herkömmlichen Fahrzeugen: Ein Elektroauto benötigt keinen Ölwechsel, auch kann kein Auspuff durchrosten und ein Luftfilter muss ebenso wenig erneuert werden wie ein Vergaser. Von Vorteil ist auch, dass ein Elektromotor in einem Auto – genauso wenig wie beispielsweise in einer Waschmaschine – nicht deswegen kaputt geht, weil er viel in Betrieb ist.

Was halten Sie – liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger – von einem solchen Vorhaben?
Ich bin mir sicher: Es ist nicht verrückt.

Die Experten sind sich einig: Elektromobilität wird schneller kommen als erwartet.

Mehr Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter: www.e-wald.eu.

 

Auf der Konferenz wurde von Dr. Peter Brandauer noch ein weiteres zukunftsweisendes Pilotprojekt aus Österreich vorgestellt. Der mit kurzen Lederhosen und grellgrünen Strümpfen gekleidete Bürgermeister von Werfenweng im Salzburger Land hielt einen hochinteressanten Vortrag über die Entwicklungen in seinem kleinen Dorf, das 950 Einwohner und 2.000 Gästebetten hat. Bereits 1996 wurde „der Weg der tausend kleinen Schritte“ hin zur sanften Mobilität eingeschlagen. Niemand wurde gezwungen, auf sein Auto zu verzichten, aber die meisten Gäste sind mittlerweile gerne freiwillig dazu bereit. Denn es gibt für jeden, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist oder seinen Autoschlüssel im Touristenbüro abgibt, äußerst attraktive Angebote, die zudem noch kostenlos sind: Nicht nur Elektroautos, sondern auch elektrisch betriebene Spaßmobile können ausgeliehen werden und es werden Pferdeschlittenfahren, Lama-Trecking und Schneeschuhwanderungen angeboten. Sogar Langlaufausrüstungen sind umsonst zu haben. Das kostet jeden Gast pro Übernachtung 1,40 EURO. Davon finanziert die kleine Gemeinde ihre Ausgaben – und macht zusätzlich einen Riesengewinn. Denn seit 1997 ist die Anzahl der Übernachtungen bei gleichbleibender Bettenzahl um rund 100.000 gestiegen.

 

Abschließend konnten die Konferenzteilnehmer den Referenten noch über eine Stunde lang Fragen stellen. Die Zeit war eigentlich viel zu kurz und nicht alle Fragen konnten beantwortet werden. Ich wollte wissen, ob – die so notwendigen – Stromautobahnen auch unter der Erde verlegt werden können. Frau Prof. Kemfert antwortete, dies sei zwar technisch etwas aufwendiger und daher auch ein wenig teurer, jedoch grundsätzlich machbar. Ein Konferenzteilnehmer äußerte Bedenken und wies darauf hin, dass Erdkabel nicht die benötigte Leistungsfähigkeit hätten, es Probleme bei den Wartungsarbeiten gebe und auch die Kosten zu hoch seien. Diese Einwände wurden von Kemfert kurz und knapp mit dem Hinweis beantwortet, dass dort, wo es nicht anders ging, bereits Erdkabel verlegt worden sind.

 

Liebe Mitbürger, diese Konferenz war ein Schritt vorwärts und animierte mich einmal wieder, vieles zu hinterfragen. Denn nicht alles ist so, wie es dargestellt wird. Ich wünsche mir eine lebenswerte Zukunft –versuche daher mutig zu sein und möchte auch Sie dazu ermutigen.